Wie der AFN-Sender Kassel entstand ...

Zu der Zeit, als die amerikanischen Soldaten in Rothwesten und Kassel stationiert waren, entstand in Frankfurt/Main gleich nach 1945 zunächst im requirierten IG-Farbenhaus und später neben dem Sendegebäude des Hessischen Rundfunks (damals "Radio Frankfurt") der Soldatensender "American Forces Network", kurz AFN, der durch sein fetziges Musikprogramm und seine Diskjockeys (Bill Ramsey war einer davon) auch bei deutschen - meist jungen - Hören sehr beliebt war [3].

Die Sendungen auf Mittelwelle waren tagsüber in Kassel wegen der sog. Tagesdämpfung auf nur schwer zu empfangen, so entschloss man sich wohl bei den Amerikanern recht bald, auch die Truppe im Raum Kassel, Rothwesten und Fritzlar mit heimatlichen Klängen zu versorgen. Der Harleshäuser Bürger Fritz Betche versuchte nach dem Kriegsende in Kassel Arbeit zu finden. Die Amerikaner suchten über die Arbeitsvermittlung deutsche Mitarbeiter für verschiedene Bereiche und Arbeiten. Fritz Betche geriet an einen amerikanischen Offizier, der ihn fragte, ob er einen großen Sender bedienen könne. Fritz antwortete spontan mit "Ja", obwohl er diese Tätigkeit noch nie ausgeführt hatte.

Der amerikanische Funkamateur W9CYW und der Sender BC 610 (rechts) Der amerikanische Funkamateur W9CYW und der Sender BC 610 (rechts)

Der Offizier führte ihn in den damals von den Amerikanern beschlagnahmten "Glaspalast" am Aschrottpark in einen Raum auf der Westseite im ersten Stock. Dort stand ein schrankgroßer amerikanischer Militärsender mit der Typenbezeichnung "BC 610". Diese Geräte waren für große Frequenzbereiche ausgelegt und produzierten rund 1 Kilowatt Sendeleistung in Amplitudenmodulation.

Neben dem Sender ragte ein Kabel aus der Wand. Der Offizier erklärte Fritz, dass dies die Postleitung mit dem Programm des Frankfurter AFN-Senders sei, die er nur an den Sender anschließen müsse. Auf die Frage nach der Antenne für den Sender meinte der Offizier, die müsse Fritz selbst bauen. Auch die vorgesehene Mittelwellenfrequenz war völlig unbekannt, Fritz solle an einem Empfänger eine freie Stelle im Mittelwellenbereich suchen. Er machte sich an die Arbeit, besorgte eine Tanne, stellte sie im Vorgarten auf und spannte den Antennendraht. Inzwischen hatte er auch eine brauchbare freie Frequenz im Mittelwellenbereich gefunden und gab die Information an seinen Chef weiter. Einige Tage später übergab der Offizier den Steuerquarz für diese Mittelwellenfrequenz und der Betrieb konnte losgehen. Abends musste Fritz den Sender für Kurzwelle umprogrammieren. Denn es stellte sich heraus, dass der Offizier ein amerikanischer Funkamateur war. Er wohnte in Fritzlar und hatte eine eigene Telefonleitung von Fritzlar zu dem AFN-Sender Kassel gemietet. Nach Sendeschluss um 23 Uhr funkte der Offizier meist auf 20 m mit seinen Funkfreunden in USA und aller Welt.

Inzwischen hatte Fritz auch sein eigenes Amateurfunkrufzeichen DL6QY erhalten. Zur Hochzeit von Fritz im Wilhelmshöher Weg in Harleshausen war natürlich auch sein AFN-Chef, der Offizier und Funkamateur Alwin D. Sisk eingeladen. Die Platten mit der amerikanischen Tanzmusik, die Fritz vorab vom AFN-Sender Frankfurt heimlich organisiert hatte, traute er sich in Anwesenheit seines Chefs nicht zu spielen. So lief deutsche Tanzmusik auf der Hochzeitsfeier, was dem Amerikaner gar nicht gefiel. Kurz entschlossen fuhr der Amerikaner zum Kassler AFN, startete die Anlage, ließ in Frankfurt einen Tontechniker Überstunden machen, der dann die ganze Nacht amerikanische Tanzmusik auflegen musste. Der AFN-Kassel sendete in dieser Nacht nur für die Hochzeitsgesellschaft von Fritz Betche in Kassel-Harleshausen. Der Chef hatte aber noch ein zweites Hobby: Zierfische. Im Senderaum nahm die Zahl der von Fritz und seinem Kollegen zu pflegenden Aquarien zu. Irgendwann gingen plötzlich alle Fische aus unerfindlichen Gründen ein. Das gefiel dem Chef gar nicht und er vermutete Sabotage. Das Arbeitsverhältnis beim AFN-Kassel endete für Fritz Betche sehr kurzfristig.

Dennoch lebte der AFN auch ohne DL6QY mit seinem interessanten Programm im Glaspalast des Aschrottsparkes und mit seinem Relaissender in Rothwesten (1502 kHz und 50 W, später 250 W Sendeleistung [2, 5]) noch einige Jahre weiter, bis sich die Amerikaner aus Kassel und Rothwesten zurückzogen: Rothwesten wurde 1973 abgeschaltet (Aussage Ted Buck, DJ3YR), wann der Hauptsender, der später als Relaissender von AFN-Frankfurt betrieben wurde, im Aschrottpark auf 1447 kHz verstummte, konnte bisher nicht ermittelt werden [1, 4]. Es muss anfänglich auch ein Studio beim AFN-Kassel gegeben haben. Denn William F. Hildebrand, Secretary of the Senate 1981-1985, berichtete in einem amerikanischen Interview von 1985, dass er als Leiter eines Kasseler Kriegsgefangenenlagers abberufen wurde und als Sportreporter beim Studio des AFN-Kassel bis zu dessen Schließung gearbeitet hat [2]. Ob das Studio im Aschrottheim eingerichtet oder wie häufig in der USA-Army üblich als fahrbares Studio aufgebaut war, ist auch nicht mehr zu ermitteln.

Ich [Harald, DJ3AS] lernte als Schuljunge Friedrich W. Betche in Harleshausen, im Wilhelmshöher Weg, kennen und war von seiner selbst gebauten Amateurfunkstation fasziniert. Aufmerksam wurde ich auf den Amateurfunk, weil DL6QY damals ganz Harleshausen mit seinem 80-m-Signal "versorgte". Die seinerzeit noch in den Haushalten stehenden Volksempfänger und andere breitbandige Mittelwellenempfänger an Hochantennen, empfingen DL6QY über die gesamte Breite der Skala. So tönten die Modulationsversuche - meist mit klassischer Musik - die damals versuchsweise erlaubt waren, sehr zum Leidwesen der Eltern aus dem Lautsprecher. Auch die vielen Worte mit "Q" ließen die Neugier wachsen. Durch Freunde kamen wir dann in Kontakt mit Fritz, der uns einlud, einmal den Clubabend des örtlichen Radioclubs zu besuchen. Er war Vorsitzender des Ortsverbandes Kassel von 1951 bis 1954. Dort blieben wir dann ständige Gäste, zwei machten die Ausbildung zur Amateurfunkprüfung mit und erhielten mit 18 Jahren die Lizenz.

Fritz Betche war von 1951-1954 der Vorsitzende des Ortsverbandes Kassel im Deutschen Amateur Radio Club. Beruflich verschlug es ihn nach Idstein, wo er als Journalist arbeitete. In den 60er-Jahren hatte er beim HR-Fernsehen sogar eine Nachmittagssendung, in der er technische Vorgänge allgemeinverständlich erklärte. Durch einen Fehler der damaligen Lizenzbehörde war das Rufzeichen DL6QY zweimal ausgegeben worden. Es gab für Fritz Betche keinen Bestandsschutz für sein Rufzeichen, er erhielt dann DL8FAZ und war damit meist mobil unterwegs. Seine vorstehende Geschichte hat er mir und meinem Klassenkameraden damals gern erzählt.

Quellen
[1] www.wabweb.net/radio/listen/LWMWeu47.pdf
[2] senate.gov/artandhistory/history/resources/pdf/Hildenbrand_interview_1.pdf
[3] www.northernstar.no/afrs.htm
[4] www.wabweb.net/radio/listen/LWMWeu62.pdf
[5] Bild: Ted Buck, DJ3YR

 

10.06.08 - DJ3AS

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